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Interview mit Enkhbat Batmunkh (ehemals Makushita Kyokutenzan), Juli 2008

von Od Howell und Martina Lunau

 

Enkhbat Batmunkh kam mit den ersten sechs Mongolen 1992 nach Japan. Im Gegensatz zu den anderen beiden, Kyokutenhou und Kyokushuzan konnte er, anfaenglich die groesste Hoffnung von Oshima, nicht genug Gewicht aufbauen und war zudem in den entscheidenden Jahren immer wieder verletzt, was auch eine AEnderung seines Shikonas von Kyokuranzan in Kyokutenzan nicht abwenden konnte. Er kam nie aus der Makushita heraus und wurde stattdessen zum Mentor und Ziehvater der Mongolen, die nach ihnen kamen, unter ihnen Asashoryu, Ama, Hakuho usw.


Wenn Kyokutenzan wie alle anderen eines Nachts nach anfaenglichen Schwierigkeiten von Oshima Beya in die mongolische Botschaft gefohen waere und nicht die anderen zur Rueckkehr haette auffordern koennen, der dann schliesslich Kyokutenhou und Kyokushuzan Folge leisteten, haette es die Erfolgsgeschichte der mongolischen Ringer nie gegeben, sagte einst Futagoyama, Vater von Takanohana und Wakanohana.


Kyokutenzan hatte sein Danpatsu im Dezember 2007 und lebt seitdem in Berlin mit Frau und Kind."

Tenzan, wie geht es Dir nach Deinem Danpatsushiki, Deiner Heirat und Deiner Uebersiedlung nach Deutschland?

Sehr gut. Es ist alles neu und unbekannt, ich lerne gerade ein ganz neues Leben kennen. Zum Beispiel habe ich jetzt ein Kind und jeder Tag mit ihm ist schoen. Und weil alles neu ist ist es auch sehr interessant. Ich bin jetzt ein normaler Mensch, kein Sumoringer mehr. Frueher bin ich ueberall aufgefallen, heute kann ich frei durch die Strassen laufen, niemand erkennt mich, das ist sehr angenehm. Ich kann normale Kleidung tragen, meine fruehere Arbeitskleidung, der Kimono, war ja doch manchmal anstrengend. Ich habe all die Jahre mit dem Zopf davon getraeumt, eines Tages mal mit kurzen Haaren endlich ein Basekap tragen zu koennen. Ich darf ins Schwimmbad, frueher war das mit dem Wachs in den Haaren nicht erlaubt. Ich kann jetzt selbst ueber meinen Tag bestimmen, habe keine zeitlichen Vorgaben fuer meinen Tagesablauf, keinen Druck und die Anspannung vor den Wettkaempfen, ich habe Erholungsphasen und das Leben an sich ist fuer mich jetzt sehr entspannt. Habe ich bis zuletzt nur mit einem Haufen Jungs gelebt, habe ich jetzt eine Frau.

 

Kannst Du uns etwas ueber die Anfaenge Deiner Sumozeit in Japan erzaehlen? Wie bist Du auf die Idee gekommen nach Japan zu gehen und Sumoringer zu werden? Was waren Deine ersten Eindruecke von Japan, wie schwer war es sich einzugewoehnen? Gibt es Dinge, an die Du Dich nie gewoehnen konntest?

Anfang der 90iger befand sich die Mongolei gerade im Wandel nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, das Leben war schwer. Die Abkapselung von Russland hatte zur Folge, dass die gesamte Versorgung des Landes zusammenbrach und es gab nicht einmal mehr die Grundnahrungsmittel. Es wurden Lebensmittelkarten ausgegeben und die Bevoelkerung hungerte. Ich war 18, gerade mit der Schule fertig und sah im Fernsehen den Aufruf, dass junge Maenner zwischen 16 und 18 Jahren mit 1,75 Mindestgroesse und 75kg gesucht wurden, um zum Sumo nach Japan zu gehen. Ich hatte zwar keine Ahnung was Sumo war, aber wollte nach Japan, ich dachte ein Esser weniger im Haus und ich koenne damit meine Eltern entlasten. Bei 160 Mitbewerbern kam ich unter die besten sechs im mongolischen Ringen und wurde von meinem spaeteren Lehrer Oshima ausgewaehlt, mit ihm nach Japan zu gehen.

Mit einem Schlag veraenderte sich mein ganzes Leben. Alles war ploetzlich anders. Japan war ein kapitalistisches Land, es gab Linksverkehr, wir verstanden kein japanisch, es war schrecklich feucht und warm. Die ganzen Benimmregeln und das Leben in Hierarchien waren uns fremd. Ich hatte bis dahin Freistil gerungen und bei einem eigentlichen Gewicht von 82kg musste ich mich vor den Wettkaempfen auf 74kg Kampfgewicht runterhungern. Ploetzlich hiess es aber essen, essen und essen, soviel ich kann und Gewicht aufbauen. Und das auch noch mit rohem Fisch. Aber 16 Jahre sind genug Zeit gewesen, um sich an alles zu gewoehnen.

 

Erzaehle uns doch bitte einmal, wie das Alltagsleben im Stall ablaeuft. Welche Aufgaben haben die einzelnen Mitglieder? Wie ist das Zusammenleben auf engstem Raum?

Das ist von Schule zu Schule verschieden. Wir begannen um fuenf mit dem Training und waren halb elf fertig. Dann ging man zum Duschen, die ranghoeheren Ringer zuerst. Nach dem Haare kaemmen gibt es Mittag. Die unteren Raenge gehen gleich ohne zu duschen zum kaemmen, da sie die aelteren Ringern beim Essen bedienen muessen. Sie selbst duschen und essen, wenn alle anderen fertig sind. Dann muessen sie abraeumen und abwaschen. Im Anschluss daran ist Mittagsruhe bis 16 Uhr. Nach dem Aufstehen stehen Hausarbeiten an: das ganze Haus putzen, einkaufen, Waesche waschen, das Abendessen um sechs Uhr vorbereiten und wenn noch Zeit verbleibt soll man eigentlich noch Gewichte trainieren. Die AEltesten teilen die Arbeit unter den jungen Ringern auf. Auch dabei wird individuell entschieden- ein Kyokushuhou bekommt weniger Arbeit und mehr Zeit fuer Hanteltrainig und andere, offensichtlich weniger hoffnungsvolle Talente umgekehrt. Nach dem Abendessen ist Freizeit angesagt und jeder kann seinem Hobby nachgehen- Games spielen, Videos sehen usw.  Ein Sekitori hat keinerlei Pflichten im Haushalt wohlgemerkt. Die meisten von Ihnen haben ein eigenes Zuhause und verlassen die Schule nach dem Mittag.

Das Zusammenleben im Heya war anfangs gewoehnungsbeduerftig. Keinerlei Privatsphaere, egal was du gerade tatest, es gab immer einen, der dir zusah, und es war laut. Alle haben ihren eigenen Fernseher und jeder schaut ein anderes Programm. Dauernd beuten dich die AElteren aus: geh mal in den Supermarkt, bring das zur Post oder hol mir ein Bier aus der Kueche. Nachts kommen sie angetrunken von einer Party, einem Essen und laufen ueber dich drueber. Aber mit den Jahren verschwanden sie und du ruecktest auf.

 

Es gibt ja ein strenges Hierarchiedenken in der Sumowelt, fuer mich unvorstellbar mich dort einzufuegen. Wie sah das fuer Dich aus, fuer Deine Freunde und Heyamitglieder?

In der Mongolei gibt es auch das Hierarchiedenken, aber es geht alles dem biologischen Alter nach. Im Heya ploetzlich stand ein sechzehnjaehriger ueber uns, weil er mit 15 eingetreten und schon ein Jahr dabei war und wusste, wie alles laeuft. Und dem hatten wir uns unterzuordnen und seinen Anweisungen Folge zu leisten und in der hoeflichen Form anzusprechen. Wir mit unserem anfaenglich schlechtem japanisch konnten diese verschiedenen Anredeformen nicht auseinander halten und sprachen dann unwissentlich mit Sekitori wie mit Gleichgestellten und bekamen Schelte von den Japanern, die ja sehr der Tradition behaftet sind und auf Umgangsformen pochen.

Im Grunde haben die jungen Maenner, die zum Sumo kommen ein gesundes Selbstwertgefuehl. Und im Heya ploetzlich merken sie, das sie ein Niemand sind. Das ist aber eine gute Schule, sie lernen zu arbeiten, sich korrekt zu benehmen und sie verstehen, dass sie sich anstrengen muessen, um Erfolg zu haben. Sonst bekommst du Pruegel oder fliegst raus. Tenhou, Shu und ich mussten da durch, wir konnten ja schlecht nach Hause laufen. Das Training war hart, barfuss auf diesem Sand und Lehm, in einer â‚žUnterhoseâ‚“, die furchtbar rieb, dass man sich teilweise den Schritt aufrieb bis es blutete. Dann klebte man es ab und machte weiter. 

 

Was macht ihr waehrend der bashofreien Zeit? Gibt es eine Art Urlaub fuer alle, was duerft ihr dann machen?

Auch das ist von Schule zu Schule verschieden geregelt. Nach dem Basho gibt es eigentlich eine Woche trainingsfrei. Haben wir beim letzten Basho schlecht abgeschnitten, kann es schon sein, das daraus nur vier oder fuenf Tage werden. Dabei wuenschen sich natuerlich alle mehr Pause, wo wir doch ohnehin schon sieben Tage die Woche trainieren, sogar waehrend des Basho.

Was man in dieser trainingsfreien Zeit alles darf haengt wiederum von deinem Rang ab. Als Nichtsekitori kannst du nicht einfach sagen â‚žich hab frei, ich fahr mal eben dahin und dorthinâ‚“. Oft werden von den Sponsoren des Stalls events mit sozialem Charakter organisiert, so besucht man eben Kindergaerten und ringt mit den Kleinen oder man faehrt ins Altenheim, immer unterwegs in Sachen PR.

Einmal im Jahr verreisen wir gemeinsam. Die Okamisan behaelt vom Gehalt eines jeden Rikishi etwas Geld ein und das wird in die Urlaubskasse gelegt, und sie entscheidet dann auch, wohin es einmal im Jahr geht.

Da wir auch einmal im Jahr nach Hause zu den Eltern und Verwandten in die Mongolei wollen, bitten wir den Oyakata darum, Oshimasan war immer sehr kulant und hat das erlaubt. Es gibt auch mongolische Ringer an anderen Schulen, die seit drei, vier Jahren nicht nach Hause duerfen. Alle Entscheidungen liegen beim Oyakata, der wiederum dem Kyokai rechenschaftspflichtig ist, es herrscht eine strenge Hierarchie.

Zwischen den Bashos gibt es noch die Jungyos- nach dem Maerzturnier in Osaka gibt es das Harujungyo, das Natsujungyo, das Akijungyo, das Fuyujungyo, mit je unterschiedlicher Dauer von drei, vier Tagen bis zu einem Monat. Wir sind dauernd unterwegs und haben kaum Zeit, das bedeutet auch leider im Verletzungsfall kaum Zeit fuer Heilung. 

Wie sieht die Bezahlung aus fuer die Rikishi unterhalb der Sekitoriraenge. Was wird vom Heya gestellt, was muesst ihr selbst finanzieren?

Unterkunft und Essen sind frei. Alles andere muss selbst bezahlt werden. Die Einkuenfte sind wieder rangabhaengig. Es gibt keine monatlichen Zahlungen in dem Sinne, es ist eher ein Start- oder Antrittsgeld, was alle zwei Monate nach dem Basho ausgezahlt wird. In der Jonokuchi duerften das ungefaehr 50.000-60.000 Yen (ca. 350‚¬) sein. Wenn du ein Kachikoshi erreicht hast, gibt es noch mal einen extra Bonus von ein bis zweitausend Yen.

Bist du Makushita bekommst du 150.000 Yen. Das alles ist nicht viel Geld, um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Handygebuehren, Games, Klamotten, Kinokarten, Kosmetik, Waschsalon, dann mag man auch mal was anders essen als immer nur das, was in der Schule gekocht wird. Aber auch Briefmarken fuer die Post, wenn du die Banzuke an deine Freunde und Verwandten oder Fans verschickst oder einen neuen Yukata und und und. Fuer das Haare kaemmen zahlt man an den Tokoyama 7.000 Yen als Makushitaringer fuer das Wachs, er selbst bekommt ein richtiges Gehalt vom Kyokai.

Es reicht hinten und vorne nicht. Also musst du dich schlau anstellen und Sponsoren anziehen. Das sind private Personen, die die Schule unterstuetzen. Waehrend des Bashos wird jeden Abend in der Schule ein Essen veranstaltet, es kommen im Schnitt 20-30 Personen. Du musst sie unterhalten, Possen reissen, Bier nachschenken. Du musst nicht unbedingt gut ringen, aber wenn du sympathisch bist, unterstuetzen sie dich. Sie stecken dir einige Scheine zu mit den Worten â‚žKauf dir was oder viel Erfolg beim naechsten Kampfâ‚“, nehmen dich mit zum Essen, oder lassen dir einen Yukata naehen. Manchmal sind es 1000 Yen fuer einen Kaffee, manchmal auch 10.000 oder 50.000.

 

Wie finanzieren sich die Heya, reicht das Geld aus, was vom Kyokai kommt, wie gross ist die Rolle der Sponsoren?

Das Geld vom Kyokai reicht um die Grundkosten zu decken wie Unterkunft, Lebensmittel und Reisen. Aber eine weit groessere Rolle spielen die Sponsoren. Hat ein Stall zahlreiche finanzkraeftige Sponsoren, geht es ihm und den Rikishi gut. Nach den Bashos wird immer eine Abschlussparty veranstaltet, zu der die Sponsoren eingeladen werden. Alle kaufen die Eintrittskarten und der Preis ist immer so kalkuliert, dass die Kosten des Abends gedeckt werden und noch etwas uebrig bleibt. Aber neben Geld kommen auch Sachspenden: Reis, Bier oder weil einer der Sponsoren in einer Fabrik fuer Einwegrasierer arbeitet eine Kiste davon.   

Zum derzeitigen Sumogeschehen, wieweit verfolgst Du das, gibt es Ringer, denen zu zutraust ganz nach oben zu kommen?

Natuerlich. Mehr denn je. Frueher war ich mittendrin und nun kann ich es mit einem Blick von aussen sehen. Es ist interessant, die Dinge von beiden Seiten betrachten zu koennen. Zum Beispiel saemtliche Skandale, die von der Presse hoch gekocht werden und wie diese bei Aussenstehenden zwangslaeufig ankommen muessen. Da ich noch alle kenne und weiss, wie Oyakata X, Y zu diesem oder jenem Sachverhalt stehen oder reagieren wuerde kann ich die Situation anders einschaetzen, ist es ein ernstzunehmendes Problem oder nur heisse Luft. Ich stehe noch mit allen in gutem Kontakt. Vor allem beobachte ich Kyokushuhou, wie der sich macht. Ich habe grosse Hoffungen in ihm, er hat die besten koerperlichen Voraussetzungen, ist gelenkig, was beim Sumo wichtig ist und er ist klug, denn ohne Kopf gewinnt man nicht.

Du hast geheiratet und ihr beide habt einige Ideen, wir ihr Sumo weiter in euer Leben einbinden wollt. Koennt ihr uns darueber etwas erzaehlen - ohne schon zuviel zu verraten - was sind eure naechsten Plaene/Projekte?

Ich war sechzehn Jahre meines Lebens Sumoringer, da kann man nicht von einem Tag auf den anderen damit aufhoeren, einer zu sein.

Ich habe mich hier fuer die Amateursumoszene etwas interessiert. Da gibt es einige recht aktive Leute, die aber keine grosse Unterstuetzung von staatlicher Seite bekommen, vieles beruht auf Eigeninitiative. Das muss sich aendern. Auch waren die Deutschen einmal sehr erfolgreich und nun scheint mir, gibt es Nachwuchsprobleme. Die anderen europaeischen Laender wie Russland und Ukraine ziehen an den Deutschen vorbei und sind zurzeit sehr stark. Ich wuerde eigentlich einen guten Trainer abgeben aber zuvor muss man richtige Dohyos bauen, denn das Training auf Matten birgt ein hohes Verletzungsrisiko. Ich habe das Gefuehl, die Situation des Sumosportes wird sich nur dann nachhaltig verbessern, wenn er zur olympischen Disziplin erhoben wird. Vielleicht sollten die Bemuehungen zuerst in diese Richtung zielen.

Ich sehe, hier in Deutschland gibt es viel zu tun. Die Menschen haben schon mal von Sumo gehoert, koennen sich aber nichts darunter vorstellen. Also gedenken wir, einen Verein zu gruenden, der den Ozumo in Deutschland und Europa populaer machen soll.

Es waere schoen, mal ein Heya zu einem Besuch einzuladen und eine Veranstaltung abzuhalten, bei der Interessenten alles ueber Sumo erfahren. Was ist das fuer ein Sport, wie leben diese Sumoringer, was sind das fuer Rituale die man im Fernsehen sieht, was essen sie und wie werden die Haare gemacht. Eine Fotoausstellung und aehnliches.
Auch waere eine deutsche Jungyo ganz schoen. Oder ich finde es unertraeglich, hier keine UEbertragung der Basho sehen zu koennen, vielleicht kann man mit dem Kyokai mal darueber reden. Auch koennte der Verein als Vermittler zwischen Kyokai und anderen Institutionen und Interessengruppen stehen. Es ist fuer Aussenstehende sehr schwer mit dem Kyokai in Verbindung zu treten. 

Was sind Deine Plaene fuer Dein zukuenftiges Leben?

Ich moechte mein Kind grossziehen, ein glueckliches und ruhiges Familienleben, reisen und die Welt sehen, denn dazu war bisher keine Zeit. Ja, und gaaaanz viel Golf spielen.